Helena und Isme

Helena ist 4 Jahre alt.

Sie spielt hinterm Haus im Hof.

Für ihr Alter ist sie noch ziemlich klein, und
sie ist nicht ganz so klug wie andere Kinder, die sie kennt.

Aber dafür ist sie ein liebes Kind. Sie weint
wenig, schreit nachts fast nie und tut brav was man ihr sagt. Außerdem hat sie
ein umwerfendes Lächeln.

Sie wohnt in Ursk, einem winzigen Dorf in der
Ukraine. sie weiß das deshalb, weil ihr Papa es ihr gesagt hat. Und ihr Papa
weiß einfach alles!

Helena wird bald 5 Jahre alt. Stolz zeigt sie
ihre ganze Hand mit allen Fingern, weil sie weiß, das ist fünf!

Helenas Papa ist vor ein paar Tagen
fortgegangen. Er hat sich einen gefleckten Pyjama angezogen und ist mit anderen
Männern, die auch solche lustigen Pyjamas anhatten fortgegangen.

Ihr Papa hatte da auch ein Gewehr getragen,
wie die anderen Männer, zu denen er auf den Lastwagen gestiegen ist.

Helena winkte den Männern und ihrem Papa nach.
Er hatte ihr nämlich gesagt, dass er losgeht um kleine Kinder und ihre Mamas zu
beschützen.

Gerade kommt ihre Mama aus dem Haus gelaufen nimmt
Helena in den Arm und drückt sie fast an sich. Außerdem kuscheln sich beide
ganz eng an die Hauswand.

Mama sagt die ganze Zeit, dass Helena keine Angst
haben muss, weint aber und zittert.

Weil ihre Mama aber ihre Mama ist, glaubt
Helena ihr, warum auch nicht?

Es kommen Männer in fleckigen Pyjamas. Sie
reden dieselbe Sprache, denselben Dialekt wie Papa, also denkt Helena, dass die
Männer kommen um sie und ihre Mama zu beschützen, weil es das ist, was ihr
Papa gesagt hat.

Die Männer packen Mama und ziehen sie ins
Haus.

Mama ruft ihr die ganze Zeit zu, dass sie
keine Angst zu haben braucht und ganz brav sitzen bleiben muss.

Weil Helena brav ist, macht sie das.

Auch als aus dem Haus Schluchzen kommt.

Auch als das Geräusch von zerreißendem Stoff
zu hören ist.

Auch als der unterdrückte Schrei einer Frau zu
hören ist, die sich die Lippen blutig beißt, damit ihre Tochter ihre Qualen
nicht hört.

Sogar als sie lautes Klatschen hört und
von der Frau schließlich gar nichts mehr höret, bleibt Helena brav
sitzen.

Eine ganze Weile ist nichts mehr zu hören und
Helena muss Pippi.

Sie ruft ihre Mama, aber die antwortet nicht.

Als es fast gar nicht mehr geht, steht Helena
auf und geht ins Haus.

Mit großen Augen sieht sie auf die Frau, die
am Boden liegt.

Sie hat genau das gleiche Kleid wie Mama an,
nur dass ihr Kleid vom Bauch abwärts schmutzig von rotem Saft ist.

Außerdem sieht Helena die aufgerissenen Augen und das Gesicht der Frau.

Es ist ganz dick und blau und die Nase ist
irgendwie komisch platt.

Die Frau hat sogar dieselbe Haarfarbe wie Mama.

Helena geht vor Haus, vielleicht ist Mama ja draußen?

Bestimmt weiß sie, wer diese Frau im Haus ist.

Mama weiß immer alles!

Helena sieht wie viele Männer in gefleckten
Pyjamas auf Wägen steigen.

Sie sind wohl fertig mit Mamas und Kinder beschützen, denkt sich Helena.

Und weil sie so abgelenkt ist, merkt sie
nicht, wie ihr Pippi durchs Hosenbein herabfließt und sich langsam eine Lache
unter ihr bildet …

Isme ist vier Jahre alt.

Sie ist ein fröhliches Mädchen und ziemlich
schlau für ihr Alter.

Ihr Papa ist Lehrer und, weil er es ihr gesagt
hat, ist es auch wahr.

Sie kann schon mit den Fingern zählen. Eins,
zwei, drei, vier und fünf, so alt, wie sie bald wird.

Das hat ihr Papa beigebracht.

Isme wohnt in Gaza. Das weiß sie, weil es einmal
im Fernsehen kam und Papa ihr gesagt hat, dass sie genau da wohnen.

Ihr Papa weiß einfach alles, das steht für
Isme fest.

Papa hat ihr auch beigebracht, dass man keine
anderen Kinder schlagen darf, auch wenn sie einem die Spielsachen klauen. Weil
alle Menschen die Lieblinge Gottes sind, hat er gesagt.

Deshalb macht das Isme auch nicht mehr.

Sie verhaut auch niemanden mehr, bloß weil er
doof ist, was ja ziemlich viele sind.

Isme denkt sich, dass Gott es wahrscheinlich blöd
findet, wenn jemand einen seiner Lieblinge schlägt.

Sie selbst würde das auf jeden Fall blöd
finden, also macht sie das nicht mehr.
Nicht einmal mehr ihren Bruder, der ihr immer das Spielzeug klauen will.

Isme, ihr Bruder Kareem, Papa und Mama sind
gerade auf einem Ausflug.

Mama hat gesagt, dass der Ausflug bestimmt
lustig wird.

Schon zweimal sind sie von dort wo sie waren wieder ganz schnell weggefahren.

Ihr Mama weint oft. Kareem weint dann auch meistens.

Viele andere Menschen machen auch Ausflüge,
wie Ismes Familie, obwohl gar keine Ferien sind.

Isme hat aber Spaß, weil sie viele andere Kinder
trifft.

Sie mag es andere Leute kennenzulernen. Das
ist lustig.

Plötzlich schreien viele Leute. Alle werfen
sich auf den Boden oder auf jemand anderen drauf.

Papa wirft sich auf Isme, die gar keine Luft
bekommt.

Dann kracht es ganz furchtbar und es wird ganz
heiß, so heiß, dass Isme schreien will.

Doch dann gibt es keine Isme mehr die schreien
kann.

Und es gibt auch keine Isme mehr, die fünf
werden könnte….